Verantwortung übernehmen

Von Claudia Reiterer

Verantwortung übernehmen - Warum die Mitte den Mut braucht, unbequem zu sein

 „Sie müssen sich entscheiden: Sind Sie für oder gegen uns?" Diese Frage habe ich in meinem Berufsleben öfter gehört, als mir lieb ist. Meist von Menschen, die glauben, die Welt ließe sich in zwei Lager teilen und wer nicht eindeutig auf ihrer Seite steht, steht automatisch auf der anderen. Verantwortung übernehmen beginnt genau dort, wo man diese falsche Wahl verweigert. Es gibt fast nie nur Schwarz oder Weiß. Demokratie heißt die Grauschattierungen sehen und über sie zu debattieren.

Wir leben in einer Zeit, in der Lautstärke mit Wahrheit verwechselt wird. Wer am schärfsten formuliert, bekommt die meisten Klicks. Wer am schnellsten urteilt, gilt als entschlossen. Differenzierung? Gilt als Schwäche. Zweifel? Als Charaktermangel. Ich habe nach 2700 Fernseh-Sendungen eines gelernt: Die lautesten Stimmen im Raum sind selten die klügsten. Aber sie dominieren den Diskurs, weil die Vernünftigen immer öfter schweigen.

Das ist das Paradox unserer Zeit: Die Mitte ist die Mehrheit, aber sie ist leise. Sie sitzt am Küchentisch in Vorarlberg, im Café in Wien, im Pausenraum irgendwo zwischen Bregenz und Feldkirch und denkt sich: „So einfach ist das doch alles nicht." Aber sie sagt es nicht laut. Nicht auf Facebook, tiktok oder X. Nicht beim Betriebsausflug. Nicht in der Gemeinderatssitzung. Weil sie ahnt: Wer differenziert, macht sich angreifbar. Von beiden Seiten.

Verantwortung übernehmen heißt, genau diese Angreifbarkeit zu riskieren.

Ich erinnere mich an eine Sendung während der Pandemie. Eine Virologin saß mir gegenüber, ruhig, präzise, wissenschaftlich fundiert. Sie erklärte Unsicherheiten, sprach von Wahrscheinlichkeiten, nicht von Gewissheiten. Am nächsten Tag war ihr Postfach voll mit Hassnachrichten. Nicht, weil sie falsch lag. Sondern weil sie nicht einfach genug war. Weil sie keine Schlagzeile lieferte. Weil sie Verantwortung übernahm für das, was sie sagte und für das, was sie nicht sagen konnte. Das ist der Preis der Verantwortung: Man wird unbequem. Für die einen, weil man nicht mitbrüllt. Für die anderen, weil man nicht wegschaut. Sprache spielt dabei eine zentrale Rolle. Worte sind keine neutralen Werkzeuge. Sie formen, was wir denken. Sie entscheiden, wen wir als Gegner sehen und wen als Gesprächspartner oder -partnerin. „Die Migranten", „die Wirtschaft", „die Politik": Sobald wir Menschen zu einer anonymen Masse verdichten, beginnt die Verantwortungslosigkeit. Denn gegen „die" kann man alles sagen. „Die" haben kein Gesicht, keine Geschichte, keine Würde.

Ich denke, wir brauchen eine Humanökologie, Papst Benedikt hat diesen Begriff verwendet, aber ich meine ihn ganz praktisch: eine Ökologie des menschlichen Miteinanders. So wie wir gelernt haben, dass Umweltverschmutzung langfristig unsere Lebensgrundlagen zerstört, müssen wir begreifen: Die digitale Brüllkammer ist die Verschmutzung unserer demokratischen Atmosphäre. Wir können nicht einfach weiter Gift in den öffentlichen Diskurs kippen und hoffen, dass sich das schon irgendwie neutralisiert. Es neutralisiert sich nicht. Es reichert sich an. Es vergiftet das Klima, in dem wir miteinander leben und wir brauchen eine Entgiftung. Verantwortung in der Sprache bedeutet: Ich sage nicht „die Ausländer nehmen uns die Jobs weg", sondern ich frage: Welche strukturellen Probleme führen dazu, dass Menschen Angst um ihre Arbeit haben? Ich sage nicht „die Eliten verstehen uns nicht", sondern ich frage: Welche Entscheidungen wurden getroffen und von wem? Verantwortungsvolle Sprache ist präzise.Sie ist anstrengend. Aber sie ist die einzige, die uns weiterbringt. Ich habe einmal eine interessante Erfahrung gemacht. Auf einer dieser digitalen Plattformen, „sozial" als Begriff finde ich vermessen, beschimpfte mich in diesem Jahr öffentlich ein etwa 50 Jahre alter Mann mit Klarnamen, ich sei völlig „ahnungslos und dumm“. Ich habe ihn angerufen. Es war ein kurzes Gespräch. Er hat den Post gelöscht. Was im digitalen Raum wie eine Schlacht wirkt, schrumpft in Sekunden zusammen, wenn ein echter Mensch mit einem echten Menschen spricht. Das ist die Kraft der Nähe und das ist auch die Schwäche der Anonymität.

In einem Bildungshaus zeigt sich, was Verantwortung praktisch bedeutet. Menschen kommen dort hin, nicht um bestätigt zu werden, sondern um zu lernen. Sie setzen sich in einen Raum mit anderen, die anders denken, anders leben, anders glauben. Sie halten es aus, dass eine Diskussion nicht mit einer klaren Antwort endet. Das ist radikal in einer Welt, die ständig nach Eindeutigkeit schreit. Verantwortung übernehmen heißt auch: den eigenen Irrtum für möglich halten. Ich habe in meinem Beruf oft genug falsch gelegen. Ich habe Fragen gestellt, die ich anders hätte stellen sollen. Ich habe Menschen unterbrochen, die ich hätte aussprechen lassen müssen. Und ich habe gelernt: Wer keine Fehler zugibt, übernimmt keine Verantwortung. Wer immer recht haben muss, hat aufgehört zu denken. Das größte Hindernis für Verantwortung ist die Bequemlichkeit. Es ist unglaublich bequem, in der eigenen Blase zu bleiben und es ist bequem, nur Medien zu konsumieren, die einem nach dem Mund reden. Es ist bequem, bei der nächsten Stammtischdiskussion zu schweigen, wenn jemand hetzt. Verantwortung ist das Gegenteil von Bequemlichkeit. Sie verlangt, dass man aufsteht. Dass man widerspricht. Dass man sagt: So nicht. Ich weiß, wie schwer das ist. Ich habe oft genug gespürt, wie es ist, wenn man zwischen allen Stühlen sitzt. Wenn die eine Seite sagt: „Du bist zu kritisch." Und die andere: „Du bist nicht kritisch genug." Aber genau dort, in diesem unbequemen Raum, entsteht demokratische Kultur. Nicht in der lauten Ecke, nicht im schweigenden Rückzug, sondern in der Mitte, die den Mut hat, beide Seiten anzuhören und trotzdem eine eigene Position zu beziehen.

Hoffnung ist keine Romantik. Hoffnung ist eine Entscheidung. Ich sehe sie in jedem Bildungshaus, in jedem Verein, in jeder Initiative, die sich nicht damit abfindet, dass die Lauten gewinnen. Hoffnung zeigt sich, wenn Menschen trotzdem das Gespräch suchen. Wenn Generationen einander zuhören. Wenn jemand bereit ist, seine Meinung zu ändern, weil ein Argument überzeugt oder aber bei der Meinung bleibt und dafür die andere respektiert. Verantwortung übernehmen ist keine Heldinnentat. Es ist die kleine, alltägliche Entscheidung: Ich schaue nicht weg. Ich schweige nicht. Ich vereinfache nicht. Ich bleibe im Gespräch, auch wenn es anstrengend wird. Vorarlberg ist eine Region, in der man sich kennt. Das ist ein Vorteil und eine Verpflichtung zugleich. Wer hier wegschaut, merkt die Folgen schneller als anderswo. Wer hier die roten Linien des Miteinanders überschreitet, trifft Menschen, die man beim Einkaufen wiedersieht. Nähe schafft Verantwortung. Aber sie schafft auch die Chance, dass Verantwortung konkret wird, nicht als abstrakter Begriff, sondern als gelebte Praxis. Die Frage ist nicht, ob wir einer einfachen Erzählung folgen oder einer komplexen Wirklichkeit. Die Frage ist, ob wir bereit sind, die Verantwortung zu übernehmen für das, was wir sagen, was wir tun und was wir unterlassen. Ob wir den Mut haben, unbequem zu sein. Ob wir aushalten, dass Wahrheit selten eindimensional ist und Menschen widersprüchlich sind, wir selbst eingeschlossen.

Verantwortung ist die Kunst, aufrecht zu bleiben. Nicht, weil es einfach ist. Sondern weil es notwendig ist.

Claudia Reiterer

Claudia Reiterer

ist Kommunikations- und Change-Expertin mit über 30 Jahren Erfahrung in der Medienbranche. Sie moderierte unter anderem die Polit-Talkshow „Im Zentrum“ und weitere Formate wie „Report“, „Pressestunde“ und „Konkret"

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