Das Sicherste in diesen Zeiten ist unser Unwissen.


W
as jetzt geschieht - die Ausbreitung des Virus, die tief in das Leben von Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft eingreifenden Gegenmaßnahmen - hat mich genauso überraschend getroffen wie wohl die meisten derer, die mit uns in dieser Zeit leben. Aber auf eines ist Verlass - nämlich: Das Sicherste in diesen Zeiten ist unser Unwissen.

Es gibt jetzt ja viele, die meinen, sie wüssten etwas, indem sie uns im Angesicht von Corona die nähere und fernere Zukunft ausmalen, sei es mit endzeitlichen Horrorszenarien, sei es mit verharmlosenden Bildern, wie dank Corona und nach Corona alles sich zum Guten wendet.

Weiter unten finden Sie etwas Aktuelles: meinen kritischen Kommentar zu einem Text, verfasst von einem Wissenschaftler (René Schlott) der das Kunststück fertigbringt, beides zugleich zu bieten: Verharmlosung des Virus und der Pandemie einerseits, Horrorszenario für die demokratische Gesellschaft andererseits. Das kritisiere ich. Aber das sind weltliche Dinge und unser Ankerplatz ist woanders. Nochmal: Unsere Sicherheit ist unser Unwissen. Meister Eckhart schreibt: „Und so ist dein Unwissen nicht ein Mangel, sondern deine oberste Vollkommenheit, und dein Nichttun ist so dein oberstes Werk.“

Echtes Unwissen ist eine Haltung. Sie hilft uns, durch Trübheit der Sorgen, die Nebelwolken der Panik und den Schein der Beschwichtigung hindurchzusehen, um auf den Grund zu gelangen. Der Grund, der Halt, der Fels ist das Vertrauen. Unwissen, zu Ende durchlebt, mündet in Vertrauen. Vertrauen kann nur, wer nicht abhängig ist von etwas, das noch kommen wird, denn dann wird er enttäuscht werden oder gar verzweifeln.

Wohl aber dürfen und sollen wir hoffen, immer, noch im Schlimmsten. Aber die Hoffnung hängt nicht am morgigen Tag, für den es keine Gewissheit gibt, sondern fängt immer wieder neu heute an. „Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ Das erfahren die Politiker, die entscheiden müssen, ohne auch nur für die nächste Zeit alle Konsequenzen abschätzen zu können, das erfahren die Ärzte und Pfleger, die nicht wissen, ob für die Kranken, die morgen kommen, noch genügend Geräte da sein werden. Aber auch für sie gilt. Es ist heute, es ist jetzt. Und vielleicht ist das ein Gutes an der jetzigen Krise:

Dass Menschen erfahren, sie können sich nicht darauf verlassen, dass sie alles im Griff haben, alles steuern können, aber sie spüren: Wir sind gefordert, jetzt. Und dem entsprechen wir am besten, wenn wir uns nicht durch das, was morgen droht, irremachen lassen. Wenn es da ist, werden auch wir da sein. Und wir sind nicht alleine.

„Was helfen uns die schweren Sorgen?
Was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es dass wir alle Morgen
Beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreutz und Leid
Nur größer durch die Traurigkeit.“


So heißt es in der zweiten Strophe eines Kirchenliedes, das Georg Neumark 1641, also gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges, in wahrhaft fürchterlichen Zeiten, gedichtet und in Töne gesetzt hat. Und erst die dritte Strophe! Unabhängig davon, wie man sich die letzte Wirklichkeit vorstellt und in welcher Theologie oder Philosophie man sie sich ausdenkt, kann, was der Dichter sagt, uns wie ein Händedruck eines lieben Menschen berühren, kann aus seinen liebevollen Worten ein Strom des Vertrauens zu uns überfließen:

„Man halte nur ein wenig stille
Und sey doch in sich selbst vergnügt
Wie unsres Gottes Gnadenwille
Wie sein’ Allwissenheit es fügt
Gott der uns Ihm hat auserwählt"


Wenn ich irgendein Nachrichtenportal einschalte, dann beunruhigt mich, was ich lese und sehe: Die Modelle, die zeigen, es wird alles noch schlimmer, die Diagramme mit ihren steil ansteigenden Kurven von Infizierten, die Nachrichten aus Bergamo, mehr und mehr auch aus Deutschland… Aber die Ruhe ist mitten in der Unruhe, wenn wir unseren Geist von ihr nicht fortreißen lassen. Der Dichter erinnert uns an das, was wir im Zen, in der Kontemplation, im Gebet, in allem Lauschen nach innen üben: „Man halte nur ein wenig stille / Und sey doch in sich selbst vergnügt“. Hakuin Zenji schreibt: „Fehlt noch etwas in diesem Augenblick? Das Lotos-Land an diesem Ort - dieser Leib des Leben des Buddha!“

PD. Dr. Reiner Manstetten
Philosophisches Seminar Heidelberg


Das gesellschaftliche Leben wird stillgestellt – was ist der Preis?


Kommentar von PD. Dr. Reiner Manstetten, Philosophisches Seminar Heidelberg

Vorgestern rief mich ein Freund an und berichtete von einer Radio-Sendung im WDR 5. Er habe zwar schon aus dem Internet von einem kompetenten Arzt erfahren, dass das Corona-Virus eigentlich kaum größere Probleme bereite als alles, was sich im Rahmen einer normalen Grippewelle feststellen ließe, und habe sich daher gefragt, warum man wegen Corona dann gleich die ganze Gesellschaft stilllegen müsse. In dieser Sendung jedoch habe ein Experte eine für ihn schlüssige Antwort gegeben: Es wäre nicht undenkbar, dass in der Corona-Krise der Versuch einer Machtübernahme bestimmter Kreise in Politik und Wirtschaft zu sehen sei. Es gehe darum, die die Grundlagen der freien Gesellschaft umzuwälzen, vielleicht für immer.

I
ch habe die Sendung nicht gehört und weiß auch nicht, ob ihr Inhalt richtig wiedergegeben wurde, aber immerhin habe ich den Namen des Experten erfahren. Es handelt sich um René Schlott, Habilitationsstipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung, eine in diesen Tagen laut Google-Recherche vielgefragte Persönlichkeit. Dieser Name war mir in der „Süddeutschen Zeitung“ vom 17.3.20 begegnet, die ihn als einen „Zeithistoriker und Publizisten in Berlin“ ausführlich zu Wort kommen ließ.
Er schreibt: „Der Staat setzt die Menschen einem Experiment mit völlig ungewissem Ausgang aus. Mit atemberaubender Geschwindigkeit und mit einer erschütternden Bereitwilligkeit seitens der Bevölkerung werden Rechte außer Kraft gesetzt, die in Jahrhunderten mühsam erkämpft worden sind: Das Recht auf Versammlungsfreiheit, die Religionsfreiheit, das Recht auf Bildung, das Recht auf Freizügigkeit, die Freiheit von Lehre und Forschung, die Freiheit der Berufsausübung, die Gewerbefreiheit, die Reisefreiheit.“ Was wir erleben, ist „ein Schlag ins Gesicht all derjenigen, die bis vor wenigen Tagen die Politik der offenen Grenzen verteidigt haben. Das Grundrecht auf Asyl wird obsolet gemacht. Der humanitäre Dammbruch ist da.“

Aus diesen Behauptungen muss man zunächst sicherlich den UdA-Faktor herausrechnen. Was ist der UdA-Faktor? Eine Freundin hat ihn entdeckt, als sie in der Hochschulpolitik aktiv war und bei allen Veränderungen, die zur Diskussion standen, von irgendeinem der um seine Privilegien fürchtenden Professoren mit dem Untergang des Abendlandes (UdA) konfrontiert wurde. Der UdA werde die unweigerliche Folge sein, wenn nicht alles bleibe, so wie es war.
UdA bietet auch René Schlott, nicht zu knapp: Wenn die Feier der Osternacht ausfällt, ist gleich die seit dem Westfälischen Frieden bestehende Religionsfreiheit bedroht, wenn eine auf 12 oder 13 Jahre angelegte Schullaufbahn um ein paar Monate oder ein halbes Jahr Unterricht gekürzt wird, steht das Recht auf Bildung, das im 18. und 19. Jahrhundert mühsam erkämpft wurde, komplett auf dem Spiel. Ernster zu nehmen sind allerdings die weiteren Überlegungen des Artikels: Ob die Nationalstaaten freiwillig die Möglichkeit hergeben werden, ihre Grenzen immer dann dichtzumachen, wenn ihnen gerade danach zumute ist, muss sich erst erweisen, und dass EU-Regierungen als Nebeneffekt der Corona-Maßnahmen auf die Idee kommen könnten, durch Abschottung alle menschliche Not der Welt dauerhaft vor der Haustüre zu lassen, ist leider keine ganz abwegige Vorstellung.

Was man immer von seinen Thesen halten mag, auf alle Fälle hat Schlott recht, wenn er sagt: „Nicht das Virus ist für diese Entwicklungen verantwortlich. Sie sind menschengemacht. Das Virus schließt nichts und sagt nichts ab. Es sind Entscheidungen von Verantwortungsträgern im Umgang mit dem Virus, die zum Shutdown führen“. Bedenkenswert ist auch Folgendes, worauf Schlott aufmerksam macht: „Hat sich schon jemand gefragt, wie viele Todesfälle durch Suizid es geben wird?“ (Bei der BSE-Krise der Neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, dem sogenannten Rinderwahnsinn (englisch: Mad Cow Disease) überstieg laut seriösen Studien in Großbritannien die Zahl der Farmer, die nach der Keulung ihres Viehbestandes Selbstmord begingen, deutlich die Zahl der Menschen, die an der Krankheit starben).
Berechtigt ist schließlich seine Frage: „Was, wenn alle Einschränkungen nicht fruchten?“ So möchte man kaum widersprechen, wenn man liest: „Dieses Gemeinwesen braucht einen Verständigungsprozess darüber, ob es wirklich jeden Preis für die Eindämmung eines Virus zu zahlen bereit ist.“

Nur: Wir hätten diesen Verständigungsprozess führen müssen, als es noch Zeit und Muße dafür gab. Auch Schlott wird wissen, dass Verständigung , die das ganze Gemeinwesen einschließt, sehr viel Zeit kostet, während das Virus sehr plötzlich da ist und das Gemeinwesen mit einem Mal in eine Situation geraten ist, die rasche Entscheidungen, oft von heute auf morgen, erfordert. Auch Nichtstun, mit anderen Worten, die „Durchseuchung“ der Gesellschaft, wie man heute sagt, oder das baldige Erreichen einer „Herdenimmunität“ wäre unter diesen Umständen keineswegs der natürliche Lauf der Dinge.

Es wäre Ergebnis einer harten Entscheidung. Man nähme statt der von Herrn Schlott befürchteten Folgen den Zusammenbruch des Gesundheitssystems, die Verzweiflung der hilflosen Ärzte und des total überforderten Pflegpersonals in Kauf, und erst recht das Leid und den Tod vieler Infizierter, für die es dann keine Behandlungskapazitäten gäbe. Welcher Preis ist der geringere? Hier lässt uns Herr Schlott leider im Stich, bis auf die rhetorische Frage, ob „bei den Beratungen im Kanzleramt auch einmal ein Soziologe oder eine Soziologin hinzugezogen wurde, der oder die sich mit den Mechanismen des Zusammenhalts sozialer Beziehungen auskennt und vor dem Punkt warnen konnte, an dem eine Gesellschaft bricht.“

Ja, wenn man diesen Punkt kennen würde! Kann man ihn wissenschaftlich bestimmen, weil man einen Doktorgrad in der Soziologie besitzt? Und müsste man nicht auch eine Ökonomin oder einen Ökonomen hinzuziehen? Was ist mit den Pleiten der kleinen und mittleren Unternehmen, zu erwartender Massenarbeitslosigkeit, dem Abreißen von Versorgungsketten mit lebenswichtigen Gütern, dem Bankrott ganzer Staaten, dem Untergang des Euro und dem Zusammenbruch des weltweiten Finanzsystems? Aber wer weiß, wer alles im Kanzleramt gefragt wird, während ich dies hier schreibe? Warum sollten nicht auch Ökonomen, Soziologen und Psychologen dabei sein? Die Politik kann momentan keine Protokolle von Beratungen mitteilen, sondern liefert, abgesehen von eindrucksvollen, aber vergleichsweise kurz gehaltenen Ansprachen leitender Persönlichkeiten nur die dürren Ergebnisse ihrer Entscheidungsfindung.

Ebenso wie René Schlott glaube auch ich, dass die maßgeblichen Personen nicht sehen, was im Gefolge ihrer Entscheidungen auf die Gemeinwesen zukommt, für die sie in Verantwortung stehen. Anders als René Schlott aber bin ich keineswegs der Meinung, dass man den Regierungen und Verwaltungen deswegen einen Vorwurf machen kann. Wer weiß denn, ob es irgendwo auf der Welt jemanden gibt, der es im Großen und Ganzen besser weiß? Besser als die Berater und Entscheidungsträger in Kommunen, Gesundheitsbehörden und Regierungen, die momentan Tag für Tag in der Pflicht stehen, zu sagen, was zu geschehen hat!

Immerhin, in einem Punkt kann ich René Schlott beruhigen, nämlich da, wo er sich Sorgen um die Meinungsfreiheit macht. Es ist gut um sie bestellt, das beweist die Tatsache, dass wir seinen Artikel lesen können. Schauen wir genauer hin. Schlott schreibt: „Die Reaktionen auf diesen Artikel werden zeigen, wie es um die Meinungsfreiheit bestellt ist und inwiefern vom Primat der epidemologischen Kurve abweichende Meinungen nicht toleriert werden“.

Zur Meinungsfreiheit gehört, dass Meinungen geäußert werden dürfen, zur Meinungsfreiheit gehört auch, dass diese Meinungen auf Widerspruch stoßen. Ich stelle mir eine gestresste Klinikmitarbeiterin vor, die eine Menge von ernstlich Erkrankten vor sich hat und angesichts der mangelnden Behandlungskapazitäten, etwa fehlender Atemgeräte, nicht mehr aus noch ein weiß. Ist es nicht denkbar, dass sie empört reagiert, wenn sie sich Schlotts Meinung, die vom Primat der epidemologischen Kurve abweicht, anhören muss. Vielleicht wird sie diese Meinung sogar für nicht tolerabel halten und ausrufen: So ein Zeugs darf man doch nicht drucken! Da hat sie nicht recht, man darf es drucken, man sollte es drucken dürfen und ich denke, man wird es auch weiterhin drucken dürfen. Aber auch der Ausruf der Klinikmitarbeiterin ist von der Meinungsfreiheit gedeckt, Herr Schlott!

René Schlott nutzt den Umstand aus, dass anscheinend gerade in Zeiten des „Primats der epidemologischen Kurve“ eine äußerst rege Nachfrage nach abweichenden Meinungen wie der seinen zu bestehen scheint. So ist es ihm gelungen, seine Meinung prominent in den Medien zu postieren, und ihm wurde das Privileg zuteil, sie auch beispielsweise in der Süddeutschen Zeitung, die immerhin eine Auflage von 330200 Exemplaren vorweisen kann, zu veröffentlichen, ein Privileg, das vielen anderen Meinungen nicht zuteilwird. Sollte er meinen, dass Meinungsfreiheit nur dann gewährleistet ist, wenn man dasselbe meint wie er, dann hat er nicht verstanden, was Meinungsfreiheit ist.

Unter dem fettgedruckten Titel „Um jeden Preis?“ hat die Süddeutsche Zeitung den hier kommentierten Artikel von René Schlott, der als „ein besorgter Zwischenruf“ angekündigt wird, auf die Vorderseite ihres Feuilletons gestellt. Herr Schlott darf zwischenrufen, und wir dürfen ihm danken, dass er uns an Fragen erinnert, die gestellt werden müssen, auch wenn wir keine Antwort haben. Wir kennen die Preise nicht, die sich bei unterschiedlichen Handlungsszenarien angesichts des Corona Virus ergeben. Wie viel besser noch wäre sein Artikel, wenn aus ihm die Demut spräche, die mit der Anerkennung unseres Unwissens einhergeht!

Heidelberg, März 2020

Reiner Manstetten.

geb. 1953, Dozent am Philosophischen Seminar der Universität Heidelberg, als Zen und Kontemplationslehrer (autorisiert von P. Willigis Jäger. 15 Jahre Leitung von Kontemplationskursen gemeinsam mit Sr. Ludwigis Fabian am Haus der Stille, Sachrang.