Was für eine neue Normalität wollen wir?

Inzwischen sind es bereits einige Wochen des Ausnahmezustandes. Nicht nur hier in Österreich und Europa, sondern auf der ganzen Welt. Das ist ein historischer Moment, der in die Geschichtsbücher eingehen wird. Eine Zäsur. Und eine große Chance auf Veränderung. Wenn wir die Situation auch wirklich dafür nutzen wollen.

Was macht dieser Ausnahmezustand mit uns? Zumindest wurden wir alle aus der Routine gerissen. Wir mussten Zeit zuhause verbringen, mit uns selbst und den Menschen, mit denen wir zusammen leben. Das war die ersten beiden Wochen vielleicht noch eine willkommene Abwechslung, mit sonnigen Wanderungen, Büchern und Brotbacken. Je länger jedoch diese Situation anhält, umso größer werden auch die Herausforderungen. Was mache ich mit meiner Zeit? Was ist mir wichtig? Was tu ich gerne? Was gibt meinem Leben Sinn? Was macht mir Freude? Wer sich mit diesen Fragen befasst, beginnt aktiv zu gestalten. Nehmen wir das Steuerrad wieder selbst in die Hand und lenken unser Leben in eine selbstbestimmte, hoffnungsvolle Richtung.

Wie sieht es mit der Arbeit in Zukunft aus? Sehr viele Menschen haben durch die Ausnahmesituation ihren Job verloren oder sind in Kurzarbeit und machen sich große existenzielle Sorgen. Das alles zeigt, wie fragil unsere Systeme sind, im Großen wie im Kleinen. Wenn Einkommen gerade noch so dafür reichen, dass man Miete und Fixkosten jeden Monat zahlen kann, aber man nicht wirklich was zur Seite bringt, ist das prekär. Dabei hat man nicht nur Einkommen verloren, sondern auch Sinnstiftung und Identifikation. Unsere Arbeit hat uns ja auch Selbstwert, Bestätigung und Selbstdefinition gegeben. Wie ist Arbeit jetzt neu zu denken? Macht ein bedingungsloses Grundeinkommen Sinn? Jedenfalls bietet sich jetzt die Möglichkeit, darüber nachzudenken. Kurzarbeit war vielleicht eine gute Idee zu Beginn dieser Situation, ist jedoch als Übergangslösung geplant gewesen und kann nicht langfristig und strukturell abfangen, was noch kommen wird. Ist Arbeitszeitverkürzung vielleicht ein Thema? Wie kompensieren wir fehlende Arbeitskräfte aus dem Ausland, weil die Grenzen dicht sind? Könnte man aktuell unterbesetzte Aufgaben und die vielen Arbeitslosen irgendwie zusammenführen? Sind wir bereit, alte Vorstellungen zu durchbrechen und neue Wege zu denken? Wie könnte eine Steuerreform, die diesen Namen auch verdient, Arbeit entlasten und trotzdem genug Geld in den Staatshaushalt spülen?

Welche Wertsysteme setzen sich durch? Eine Krise bringt Unsicherheit und dementsprechend groß ist das Bedürfnis, sich an etwas festhalten zu können. Oft ist die Konsequenz eine Rückbesinnung auf konservative Werte. Kann man den Herausforderungen der Zukunft mit Lösungen der Vergangenheit begegnen? Werden das Rollenbild der Frauen und emanzipatorische Entwicklungen nun um Jahrzehnte zurück geworfen? Erkennen wir den Wert und die Bedeutung von Kinderbetreuung? Kommt es zu einer Aufwertung systemrelevanter Berufe oder begnügen wir uns mit ein wenig Applaus von den Balkonen? In der Kommunikation kommen immer nur klassische Familien vor, aber wie geht es Patchworkfamilien, Singles und alternativen Wohn- und Lebensgemeinschaften? Wie begegnen wir diesen Realitäten? Stärken wir in Zukunft die Systeme des Sozialstaates oder bauen wir diesen ab? Wie wirkt sich die Gesamtsituation auf die politische Machtverteilung aus? Werden wir ein Erstarken nationalistischer Überzeugungen erleben? Werden demokratische Errungenschaften verwässert oder gar abgeschafft?

Wie geht es uns damit, dass es kein Zurück gibt? Es gibt noch immer viele Menschen, die darauf warten und hoffen, dass alles wieder so wird, wie es einmal war. Doch ein Zurückkehren zu dem, was wir vorher als normal angesehen haben, wird es aller Voraussicht nach nicht geben. Ist das vielleicht auch gut so? Mit oder ohne unser Zutun, wird jedenfalls gerade ein neues gesellschaftliches Zusammenleben gestaltet. Da gibt es unzählige Fragen, die uns direkt und indirekt betreffen und zu denen wir uns als Bevölkerung auch äußern sollten. Wie gehen wir mit der zu erwartenden noch größeren Krise – nämlich dem Klimawandel – um? Der wird uns alle betreffen. Genau wie diese Pandemie ist das ein globales Problem, für das es ebenfalls globale Lösungen brauchen wird. Wollen wir, dass wieder so viele Flugzeuge fliegen wie zuvor? Wollen wir eine Koppelung der Förderungen an Klimaziele und Maßnahmen zur Umweltverträglichkeit? Wollen wir die Großkonzerne füttern oder regionale Strukturen stärken? Wie wichtig ist uns eine qualitätsvolle Lebensmittelsicherheit vor Ort? Wie geschieht Meinungsbildung und Austausch in Zeiten der Distanz und Isolation? Wie schaffen wir politische Beteiligung, wenn nicht einmal mehr Demonstrationsfreiheit herrscht? Wie viel Überwachung durch die Regierung ist akzeptabel? Setzen wir uns für die Wahrung unserer Verfassung ein? Kann eine Regierung in einer Ausnahmesituation machen, was sie will? Wie weit darf ein Krisenmodus Begründung sein für moralisch, rechtlich und menschlich zu hinterfragende Entscheidungen und Kommunikationstaktiken? In welchem Verhältnis werden wirtschaftliche Interessen den gesundheitlichen Interessen gegenübergestellt? Werden wir unseren Gesundheitssystemen nun wieder mehr der notwendigen Mittel zukommen lassen? Wie nutzen wir diesen Einschnitt, um unser Bildungssystem zu überdenken? Wie muss unser politisches System funktionieren, um diese Herausforderungen demokratisch zu bewältigen? Setzen sich nun starke Führungspersönlichkeiten und quasidiktatorische Prozesse durch, statt Konsens und Pluralität? Wer kümmert sich darum? Gibt es eine Stimme der Bevölkerung?

Was können wir – du und ich – dazu beitragen, das mitzugestalten, was als neue Normalität bezeichnet wird? Denn in Wahrheit ist das unsere gemeinsame „neue Zukunft“.


Peter Marcel Ionian
ist Bildungsreferent und Leiter der Jugendschiene <freigeist arbogast>
Ausgebildeter Jugendarbeiter, Medien- & Kommunikationsgestalter, erfahrener Kulturmanager, Presse- & Öffentlichkeitsarbeiter, leidenschaftlicher Kulturjournalist, Fotograf, Musiker und Hobbygärtner.