Von der Notwendigkeit und dem Potential der Krise.


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uf die eine oder andere Weise begleiten und prägen Krisen unser menschliches Dasein tagein und tagaus. Das zeigt uns, dass Krisen etwas Natürliches sind. Die gesamte Schöpfung ist ein Projekt in Prozess, in ständiger Entwicklung, wir Menschen inklusive. Was sich entwickelt, verändert sich, und was sich verändert, löst Unsicherheit, Ängste und Krisen aus.
Krisen sind also gleichsam Hebammen unseres menschlichen Werdens, Wachsens und Reifens. Auch die COVID-19-Krise, die die Welt aktuell in Atem hält, ist indirekt eine Entwicklungskrise, die auf vielerlei Ebenen die Chance und das Potential positiver Veränderung im Kleinen wie im Großen in sich birgt.

Krisen jeglicher Art können und möchten uns letztlich dahingehend sensibilisieren, unsere übersteigerten Erwartungen in die sichtbare Welt, ins Körperliche, Materielle, Finanzielle, in unsere menschlichen Fähigkeiten usw. zu relativieren oder zumindest nicht zu verabsolutieren. Je mehr wir Menschen uns in Äußerlichkeiten verlieren und verrennen, desto schmerzlicher wird früher oder später das Erwachen sein. Die Schöpfung mit ihren vielfältigen Früchten und Möglichkeiten will uns Menschen Hilfe und Stütze sein, aber sie ist aus religiös-christlicher Perspektive weder das Ziel, noch Erfüllung und letztgültiger Sinn unseres irdischen Daseins.
Dass die „Kelter des Lebens“ alle illusionären, naiven, unreifen Vorstellungen vom Leben, von der Liebe, also auch von Gott, früher oder später schonungslos zerschlägt und uns temporär in Schmerz und Leid stürzt, gehört zum Drama menschlicher Existenz. Dass wir Menschen durch diese Krisen- und Wachstumsprozesse anders, ganzheitlicher, tiefgründiger, weitsichtiger, bescheidener, humaner, bewusster werden können, ist Teil des Faszinosums menschlichen Seins.

Diese Gleichzeitigkeit von Schmerz und Leid und der Erfahrung der Schönheit und Sinnhaftigkeit ist und bleibt eine Herausforderung, auch für den religiösen Menschen. Dennoch sollten wir, etwa mit Blick auf die Seelsorge und die Begleitung von Menschen, der Versuchung widerstehen, Krisenerfahrungen spirituell schönzureden und die  darunter auch leidenden Menschen mit vordergründigen Argumenten von dieser existentiellen Erfahrung abzuhalten.
Es ist eminent wichtig, dem Einzelnen in dieser Krisenerfahrung, die sich oft auch als Erfahrung der Leere und der scheinbaren Sinnlosigkeit zeigt, zur Seite zu stehen. Aber es braucht auch den Mut, ihm diese Erfahrung nicht zu nehmen, weil sie auch das Einfallstor sein kann für den zeitlosen, befreienden und ermutigenden Mehrwert der Gotteserfahrung, die wir oft erst zuzulassen bereit sind, wenn wir mit all unserem menschlichen Wissen und Können an Grenzen stoßen und nicht mehr weiterkommen.

Nicht alles, was unsere Wohlstandsgesellschaft hochhält und umjubelt, ist sinnvoll und unserem Leben wirklich dienlich. Und nicht alles, was sie bejammert - auch die momentane Krisensituation - ist für unser Leben nur nachteilig. Es ist alles immer auch eine Frage der Erwartungshaltung, der persönlichen Lebenseinstellung und -vision. Es ist zu wünschen und bleibt zu hoffen, dass diese besondere Zeit uns innerlich, in Kopf und Herz, nicht krisenresistent macht, sondern vielmehr offen, weitsichtig und mutig für anderes Unvorhergesehenes in der Gesellschaft, in unserem Leben und Alltag, in unseren Beziehungen.
Denn Krisen sind nicht so schlecht, wie sie geredet werden. Sie sind es - allen damit verbundenen Herausforderungen zum Trotz - vielmehr wert, ernst genommen, angepackt und in unseren Lebensprozess integriert zu werden als „Geburtshelferinnen des Neuen und Katalysatoren des Fortschritts“, wie ein Journalist es kürzlich treffend formuliert hat, und zwar im materiellen, wie im spirituellen Sinn.

P. Kolumban Reichlin


Pater Kolumban Reichlin
, geb. 1971, ist Benediktinermönch des Klosters Einsiedeln; er ist seit 2009 und noch bis August 2020 verantwortlich für die Propstei St. Gerold.
(Foto: Joachim Schwald)