Das Virus verändert unser Leben.


N
ach der Corona-Krise wird vieles nicht mehr so sein, wie es war. Wir werden uns nach der kurzfristigen Totaländerung auch auf eine langfristige Umstellung unseres Lebens einstellen müssen. Zu glauben, dass wir nach dem Sieg über das Virus weitermachen können wie in der Vergangenheit, ist unwahrscheinlich.

Corona führt uns die Verletzlichkeit unseres gesamten globalisierten Lebensstils vor Augen. Wir haben uns mit der Auslagerungspolitik der vergangenen Jahrzehnte auf dünnes Eis begeben. Das ist jetzt gebrochen. Wir haben die Herstellung lebenswichtiger Güter anderen übertragen, weil es billiger ist. Wir haben im Internet bestellt und bestellt, weil es uns egal war, woher etwas kommt, Hauptsache, es ist billig. Wir haben Medikamente als normale Waren, wie Bleistifte oder Schrauben, betrachtet. Das gefällt der Pharmawirtschaft und den Sozialversicherungsträgern. Aber es ist, um bei deren ökonomisch geprägten Wortschatz zu bleiben, ein kapitaler Fehler.

Wollte China Europa erobern, müsste es keine Bomben schicken, sondern es würde genügen, keine Antibiotika mehr zu liefern. Dann wäre Europa ohne Waffengewalt in einem halben Jahr erledigt.

Sind die Lieferketten erst einmal unterbrochen und kommt kein Nachschub mehr aus dem Fernen Osten, dann stehen hierzulande die Maschinen still. Das wird sich ändern müssen. Wir müssen in Europa die wirtschaftliche Souveränität vor allem in Schlüsselbereichen zurückgewinnen. Die Herstellung von Medikamenten gehört dazu. Es wird zu einer Regionalisierung der Wirtschaft kommen müssen. Das hat nichts mit billigem Nationalismus und protektionistischer Wirtschaftspolitik zu tun. Es ist eine Frage des Überlebens und der Freiheit.

Gleichzeitig wird die industrietechnologische Revolution vorangetrieben. Bis zu Corona haben wir eine über die ganze Welt verstreute arbeitsteilige Produktionsweise betrieben. Sie fußt auf fossil betriebenen, extrem langen Lieferketten zu Land, zu Wasser und in der Luft. Nach Corona werden künstliche Intelligenz, Roboter und 3D-Drucker eine digitalisierte Wirtschaftswelt der kurzen Wege und der neuen Unabhängigkeit ermöglichen.

Corona macht uns auch mit unserer Kleinheit bewusst. Mit den Allmachtsphantasien, zu denen die Spezies Mensch neigt, ist es vorbei. Demut ist angesagt sowie ein nachhaltiger Umgang mit der Schöpfung. Corona ist keine Strafe Gottes, sondern ein von der Natur hervorgebrachtes Virus. Aber es zeigt uns Grenzen auf, auch die unserer Wissenschaft.

Corona lehrt uns, wieder klar zu sehen, was im Leben wichtig und was unwichtig ist. Schon die vergangenen Wochen haben uns gezeigt, was man weglassen kann, ohne darunter zu leiden. Deshalb werden wir uns nach Corona noch stärker als bisher auf das Wesentliche konzentrieren und den ganzen Firlefanz, den ein bequem-sattes Leben so hervorbringt, einfach vergessen.

Auf unserer Prioritätenliste werden mehr Werte als Gegenstände stehen. Ganz vorn kommt die Solidarität. Eine Gesellschaft, die gemeinsam Corona übersteht, also Frauen und Männer, Alt und Jung, Eingesessene und Zugewanderte, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, eine solche Gesellschaft ist stark. Es ist schön, dabei zu sein. Auf den Zusammenhalt in Notsituationen kommt es an, nicht auf Schönwetterfreundlichkeiten.

Kai Jenner


Kai Jenner
ist Berater und Mitbegründer der Arbogaster Gruppe "Ethik & Wirtschaft", einem losen Zusammenschluss von Unternehmern, die sich mehrmals jährlich in St. Arbogast treffen, um ethische Themen zu besprechen und im eigenen Berufsumfeld umzusetzen. Jenner ist auch Gründer von www.k5-training.com