Brauchen die Menschen die Kirche und die Gottesdienste überhaupt noch?

Als Generalvikar bin ich Mitglied des Krisenstabs der Diözese und hatte in den letzten Wochen viel Arbeit. Wir mussten ja die Diözese und die Pfarren „herunterfahren“ und dabei die vielen Menschen unterstützen und jetzt langsam auch wieder „hinauffahren“.
Ich bin selber auch Pfarrer und es war wirklich komisch, auf einmal keinen Kontakt mehr haben zu können, zumindest keinen Physischen. Ich habe in den vergangenen Wochen viel Seelsorge via Telefon gemacht, Menschen angerufen und bei ihnen nachgefragt. Ich war sehr positiv angetan, wie kreativ Laien und Priester in vielen Pfarren waren und sind, wie sie versuchen, in Kontakt mit den Menschen zu sein. Eine Beraterfirma hat uns, der Kirche, ein positives Zeugnis ausgestellt: wir seien sehr präsent, zumindest in den Medien. Andere wiederum fragten: wo ist denn die Kirche in dieser Zeit?

Ich selber habe mich gefragt, ob den Menschen die Kirche und ganz speziell auch die Gottesdienste abgehen. Ich weiß es nicht. Wir hatten jetzt über zwei Monate eucharistisches Fasten, wir mussten ohne öffentliche und gemeinsame Gottesdienste auskommen und das sogar über Ostern.
Es wurde deutlich, dass der christliche Glaube mehr ist als nur Messe und Gottesdienst.
Im Zentrum stand der gelebte Glaube zu Hause: die Hauskirche. Beten und Bibel lesen, allein oder gemeinsam; und es war auch die Zeit der Nächstenliebe, auf einander schauen und füreinander sorgen. Es war wirklich schön zu sehen, wie sich Menschen in den Pfarren in Sachen Nachbarschaftshilfe engagiert haben.

Diese Krisenzeit hat ganz deutlich gezeigt, dass die persönliche Gottesbeziehung an erster Stelle steht, das Verbunden-sein und das Beziehung-pflegen mit Gott. Wir nennen es beten. Ich habe mitbekommen, dass Menschen in dieser schwierigen Zeit Angst hatten, Angst vor der Zukunft. Andere wiederum hatten ein starkes Gottvertrauen, das ihnen geholfen hat, gut durch diese Zeit zu kommen.
Viele Menschen konnten in den letzten zwei Monaten keine Sakramente empfangen.
Was aber dennoch möglich war, war und ist die sakramentale Begegnung mit dem Auferstandenen in seinem WORT. Kraft schöpfen aus der Bibel war und ist die Devise. Ich habe jetzt in der Zeit nach Ostern vor allem die Osterevangelien meditiert und auch die Apostelgeschichte. Es ist schon spannend, dass die Evangelisten keine theologische Abhandlung über die Auferstehung bringen sondern Begegnungsgeschichten: wie der Auferstandene Menschen in ihrer oft nicht einfachen Situation begegnet ist und Licht in ihr Leben gebracht hat. Ich lese fast jedes Jahr in der Osterzeit auch die Apostelgeschichte, dieses Aufbruchsbuch. Es erzählt, wie sich der Auferstehungsglaube allmählich ausgebreitet hat.

Für mich ist dieses Aufbruchsbuch aus der Bibel Ermutigung und Auftrag, positiv in die Zukunft zu schauen. Ob die Menschen die Kirche und die Gottesdienste noch brauchen oder nicht, das weiß ich nicht. Ich möchte jedenfalls davon Zeugnis geben, wie gut mir der Glaube an Gott tut, die lebendige Beziehung, die Gemeinschaft zu den Mitchristinnen und Mitchristen, die Botschaft der Bibel und auch die Gottesdienste.

Ich freue mich schon darauf, die Menschen von Angesicht zu Angesicht zu treffen und auch mit ihnen Gottesdienst zu feiern. Die ersten Gottesdienste werden komisch sein, so mit Maske und den verschiedenen Auflagen, aber ich glaube, es werden ganz intensive Gottesdienste sein.
Ob die Menschen die Kirche und die Gottesdienste noch brauchen, wird sicher vor allem vom positiven Glaubenszeugnis der vielen Christinnen und Christen abhängen.


Dr. Hubert Lenz
ist Generalvikar der Diözese Feldkirch. Von 1990 bis 1995 war Hubert Lenz Kaplan in Dornbirn-Hatlerdorf. Daran schloss sich sein Doktoratsstudium in Innsbruck im Fachbereich Liturgie an. Ab 1998 war Lenz Pfarrer von Nenzing und Gurtis und ab 2003 Dekan des Dekanats Walgau/Walsertal. Seit 2013 ist er Pfarrer in Hard. Als Generalvikar ist Lenz Stellvertreter von Bischof Benno Elbs in allen Verwaltungsaufgaben und handelt in dessen Auftrag und mit gleicher Vollmacht.