Auferstehung.


"Wo Gefahr ist wächst das Rettende auch", diese bekannte Zeile Hölderlins mag auch in dieser ernsten Zeit jetzt seine Gültigkeit und seine Herausforderung haben. Jetzt kann trotz Allem auch Rettendes wachsen, Rettendes geschehen und an Boden gewinnen, mehr an Boden gewinnen, jetzt, ja jetzt!! Vielleicht doch! In Trauer und Schrecken, in steinfixiertes Hinstarren auf das Bedrohliche zu versinken, scheint mir keine gute Wahl zu sein...

Diese Situation jetzt ist vielleicht auch ein Weckruf, ein Aufrüttler, der sagt, dass manches nicht so weitergehen kann, wie bisher. Vielleicht zwingt uns der Virus auch zum Nachdenken, Umdenken, Innehalten und zur Bewusstwerdung, wie brüchig, wie verletzbar, wie endlich und begrenzt unser Leben, unser Denken und Tun eigentlich ist, immer ist, wie sehr unsere Machbarkeit an Grenzen stößt, wie verletzlich die ganze Schöpfung ist usw... Halten wir es aus, dem Unausweichlichen des Todes und des Lebens so offen ins Auge zu schauen ohne dabei in Trübnis, Verzweiflung und Schwarzmalerei zu versinken??

In der Hektik des Alltäglichen fliehen wir ja auch gerne vor diesen An-Blick und Angeblicktwerden. Wie Hölderlin sagt, die Liebe und das Leid "zwingt uns auch nieder", "beugt" uns, ich füge hinzu: zwingt uns herab vom hohen Ross, vielleicht auch in die Knie....

Da Ostern naht und es auch zur jetzigen Situation vielleicht auch passt ein Gedicht von Marie Luise Kaschnitz:


Auferstehung

Manchmal stehen wir auf
Stehen wir zu Auferstehung auf
Mitten am Tage
Mit unserem lebendigen Haar
Mit unserer atmenden Haut.

Nur das Gewohnte ist um uns.
Keine Fata Morgana von Palmen
Mit weidenden Löwen
Und sanften Wölfen.

Die Weckuhren hören nicht auf zu ticken
Ihre Leuchtzeiger löschen nicht aus.

Und dennoch leicht
Und dennoch unverwundbar
Geordnet in geheimnisvolle Ordnung
Vorweggenommen in ein Haus aus Licht.



In diesem Sinne trotz allem frohe Ostern und viel Auferstehung gerade jetzt!!

Alois Neuhold



Alois Neuhold wurde 1951 in Eggersdorf bei Graz geboren, studierte Theologie in Graz, wurde 1977 zum Priester geweiht und 1978 suspendiert. Anschließend studierte er an der Akademie der bildenden Künste Wien, Abteilung Grafik, bei Max Melcher. In dieser Zeit fand er Anschluss zur Generation der Neuen Malerei in Österreich und wurde in Ausstellungen europaweit gezeigt. Nach einer biografischen Krise zog sich Neuhold ab 1987 aus der Kunstöffentlichkeit zurück. Weitgehend unbemerkt verdichtete er sein Werk in einer unvergleichlichen Konsequenz und entwickelte ein vollkommen eigenständiges Werk, das stark an der Grenze von Bildmagie, Kunst und Religion angesiedelt ist.